Warum ich mich freue, nicht mehr in Berlin zu wohnen
Am von Sven Dietrich auf pop64.de geschrieben

Ein kleiner Spaziergang von Prenzlauer Allee zur Eberswalder Strasse am Samstag Morgen zeigte mir das (wieder) sehr deutlich.
Anders als die um acht Uhr hier zahlreich vertretenen Eltern will ich nicht mit meinem Sohn am Morgen durch die Strassen laufen und alle drei Meter ein strunzenbreites Paar treffen, die gerade wild ihren anstehenden Fick durchdiskutieren. Muss nicht sein. Echt nicht. Drei Meter weiter wollen Kapuzenpulli-Sprallos mich in eine “rufst du mir nen Telebus Alda? Warum nicht? Kapitalistenschweindreckiger!” Diskussion verwickeln.
Der Kerl, der mit seiner leeren Bierflasche tanzt und das Paar, dass wild streitend und laut schreiend durch die Strassen rennt erwähne ich hier gar nicht. Â
Warum wohnen da so viele Familien?
Findet ihr das im Ernst gut? Alle fünf Meter liegen Glasscherben oder umgeworfene Stadtmöbel, dazwischen die Betrunkenen, die nach Hause torkeln. Ist das euer urbanes Leben, dass ihr in Berlin mit euren Kindern abfeiert?
Das will ich nicht für mich.
Für mich ist Berlin inzwischen vergleichbar mit einem fetten Brathähnchen, Porno oder Koks.
Vorher ist man total geil, will es unbedingt haben und freut sich tierisch einen Ast darauf. Hinterher bleibt dann nichts als ein schlechtes Gewissen.
Nach jedem Hoch kommt eben ein Tief und in Berlin ist die Fallhöhe einfach zu groß.
Werde ich alt, konservativ? Ist das dieses Erwachsensein, von dem man ab und an liest? (Anders als bei vielen Andere gibt es in meiner Welt das Wort spiessig nicht).
Ich weiß es nicht.
Ich weiß aber, dass ich mich sehr auf meine Familie freue und die wohnt eben in Hamburg. Wahrscheinlich ist das auch der Grund, warum ihr alle noch da seid.
Eure Familie/Freunde (wie auch immer die aussieht, ich habe in den letzten drei Tagen von diverse Varianten gehört, vollkommen irre, was da versucht wird. Faszinierend) ist dort und ihr wollt auch dort sein.
Es waren wieder drei sehr tolle Tage. Wunderschön. Jetzt freue ich mich aber auf Hamburg.
Und ich freue mich mehr auf Hamburg als damals auf der Heimreise nach Berlin.Â


14 Kommentare für ‘Warum ich mich freue, nicht mehr in Berlin zu wohnen’
16 April 2011 13:19
Na, na!
Prenzlberg hat ja mit Berlin nicht mehr soooviel zu tun. Wohnen ja auch fast keine Berliner mehr da. Also, keine Verallgemeinerungen bitte ;-)
Ruhig ist es hier im Außenbezirk von Hamburg, das stimmt.
16 April 2011 13:36
Es muss nicht ruhig sein, aber jede Menge Kinder auf Like-a-Bikes zwischen all den Alarmen finde ich komisch. Im P’Berg wohnen so viele Eltern, aber ich verstehe nicht, warum? Randbezirke und allet ist etwas anderes, egal ob Berlin oder Hamburg. Aber in Berlin wird im Prenzlauer Berg dieser urbane Familien-Dingenskirchen und was weiß ich richtig abgefeiert. Und das verstehe ich nicht. Mehr ist es gar nicht.
16 April 2011 18:03
der verallgemeinernden rück[en]kehr kann man nur verallgemeinernd antworten: die beschriebenen szenarien sind auswüchse urbanen lebens, sie finden sich in jeder metropole. der rest ist mythenbildung.
vielleicht ist in hamburg das koks besser, aber sonst?
16 April 2011 18:55
Das ist eindeutig die Sicht in die Jahre gekommener, noch relativ frischer Väter und somit Ausdruck einer einsetzenden verantwortungsgesteuerten Uncoolness. Also völlig normal in dieser, Deiner Lebensabschnittsphase. Entspann Dich !
16 April 2011 20:53
Hehe … warum begreifen die Leute eigentlich nie, dass der Prenzlauer Berg kein Berliner Stadtteil, sondern ein Freigehege für selbstverliebte Lifestyle-Ökos, besoffene Touris und maligne Narzissten ist? :-D
Im Ernst, das muss man doch irgendwann merken – erst recht, wenn man (jahrelang?) dort gewohnt hat! Es sei denn, man ist selbst so sehr Teil dieses Mikrokosmos’ geworden, dass man die restlichen 94 (!) Ortsteile einfach nicht mehr mitbekommt. Das wäre dann tatsächlich typisch Prenzlauer Berg ;)
17 April 2011 10:04
Ach herrjeh, ja, die verkürzende Sichtweise des älter gewordenen. Lustig, die Grätsche: über Prenzlauer Berg, das angebliche Spießergehege lamentieren, beigemischt die im Alter tatsächlich häufiger werdenden Auswüchse von Fremdenfeindlichkeit (geht hier ‘nur’ gegen angebliche Schwaben… aber Fremdenfeindlichkeit bleibt Fremdenfeindlichkeit, my dearest), gleichzeitig aber ein Schmuddelimage beschreiben, es muß Dich tatsächlich zerreißen. In Berlin findest Du für Deinen Lebensstil alles. Vielleicht würdest Du heute lieber in Zehlendorf wohnen, aber den Freunden noch erzählen wollen, Du wärst Kreuzberger. Kleine Erinnerung für CoKommentatoren: Prenzlauer Berg besteht nicht nur aus den sechs Straßen um den Kollwitzplatz, die so gerne zum pressetauglichen Großklischee aufgeblasen werden. Laß Deinen Blick offener. Schönen Sonntag noch!
17 April 2011 17:26
angeblich soll Hamburg neben der Reeperbahn noch ein paar Straßenzüge umfassen.
und Mallorca soll auch nicht nur aus Strandabschnitt 5, Ballermann, bestehen
aber alles nur Gerüchte
18 April 2011 14:41
“Aber in Berlin wird im Prenzlauer Berg dieser urbane Familien-Dingenskirchen und was weiß ich richtig abgefeiert.” Ja, und? Vielleicht gibt es ja Leute, die genau das haben wollen: diesen “urbanen Familien-Dingenskirchen”? Und die wohnen dann eben im Prenzlauer Berg, weil ihnen hier die Infrastruktur dafür geboten wird. Im Außenbezirk oder, noch schlimmer, im Umland hat man nämlich Familie, aber, tut mir leid, als urban geht das dann nicht durch. Oder wollen Sie einem erzählen, dass man, wenn man Familie hat, eben aufs urbane Umfeld verzichten muss? Echt jetzt?
05 Mai 2011 23:37
Berlin ist auf die Dauer ein hässliches, deprimierendes, oberflächliches Loch voller Provinz-Idioten. Selbst in Vergleich zu Hamburg. Und das sage ich als Athener…
07 Mai 2011 01:58
Och was soll ich sagen als Heimatloser Deutsch_Israeli ? Berlin ist mittlerweile so la la. Nüscht mehr billisch aber immmer noch hässlich. Immer noch ein tolles pflaster für twenty-something aber das wars. Bin vor kurzem nach Hamburg gezogen (zwangsweise am Anfang). Letzendlich : Berlin ist eine Stadt für Zweifel, Hamburg hat eine eigene Identität, Eppendorf ist multikultureller als Prenzl und in Kreuzberg kotzen mehr Spaniier/Franzosen/Griechen als in St Pauli. Wir leben einfach in einem Land ohne Hauptstadt wie London oder Paris und ich vermisse hier nichts, was ich in Berlin hätte. Ist doch Geil, so ein Land ohne Hauptstadt.
22 Juli 2011 16:10
Wow, mal wieder schönes abgedroschenes Prenzlauer-Berg-Bashing. Wie originell.
Komisch, ich wohn auch in Prenzlauer Berg, im schönen Gleimviertel und kann deine hier beschriebenen Erlebnisse nicht teilen. Auch ich bin Mutter von zwei Kindern, ach ja, und Urberlinerin bin ich auch, in dritter Generation – das ist doch schon mal was.
Prenzlauer Berg ist in den Neunzigern zum Mythos hochstilisiert worden, den jetzt jede kleinkarierte Krämerseele demontieren will. Prenzlauer Berg hat so viele Gesichter und Nischen, wer da in einer einzigen hocken bleibt, hat einfach ma selbst schuld.
22 Dezember 2011 12:16
[...] Berlin gezählt, habe die täglichen Kinderlied-Ohrwürmer verbloggt, habe mich zwischenzeitlich gefreut, nicht mehr in Berlin zu wohnen, habe das Elterngeld in Hamburg und Berlin vermessen, habe gesehen, dass es in Hamburg erheblich [...]
17 März 2012 12:17
@Ginger:
Hochsterilisiert, genau, eben. Und der Ausdruck Krämerseele bringt das Nazometer zum glühen.
07 Mai 2012 10:53
ich wohnte auch 4 jahre in p-berg und ich wurde nicht ein einziges mal darauf angesprochen, einen telebus anzurufen oder habe jemand ueber irgend einen anstehenden fick sprechen hoeren. zerbrochene flaschen liegen hier und da rum, ja, aber woanders in berlin auch und bestimmt auch in anderen grossstaedten. beim lesen entsteht der eindruck, jeder der hier unterwegs ist, ist betrunken?! und dass bei einem spaziergang von prenzlauer allee zur eberswalder strasse, der 10 min dauert und durch den einen der spiessigsten kieze, naemlich dem kollwitzkiez, geht! und dann denkt man sich: oh, bin mal gespannt wo er jetzt hingezogen ist, muss ja dann auf dem land sein oder eine nicht ganz so bekannte stadt. und dann: ueberraschung! es geht nach hamburg! wie originell! und in hamburg gibts dann keine betrunkenen, keine kapuzenpulli-sprallos, keine sich auf der strasse diskutierenden? schoen dass er hier noch jedem erzaehlen muss dass er ein kokser ist. gutes vorbild, so als vater! ich stelle mir einfach vor, es handelt sich hier um einen yuppi, der nach der geburt des sohnes nicht mehr ausgehen konnte und dadurch nicht mehr so richtig mitkommt und deswegen wegzieht.